Ansichtssache
Hier stelle ich von Zeit zu Zeit etwas ein, was mich aktuell beschäftigt
07.11.2025 - Tutty Tran und der Schlag ins Gesicht
Das hat gesessen, dieser Schlag ins Gesicht. Nein, ich wurde nicht geschlagen, doch dieser Schlag galt auch mir. Obgleich solche Typen niemals eine wie mich schlagen würden, denn meine Wurzeln liegen nicht in Ghana und nicht in Vietnam. Meine Großmutter kam aus der Großstadt Breslau, mein Großvater aus einem kleinen Dorf in Thüringen. Zeitig genug überquerten sie die „Grüne Grenze“ in den freien Teil Deutschlands. Auch meine anderen Großeltern verließen das Willkürsystem ihrer „süßen Heimat Siebenbürgen“, damit ihre Kinder in Freiheit aufwachsen konnten.
Vielleicht verstehe ich es deshalb so gut, wenn Menschen sich auf den Weg machen in ein Land der Freiheit. Für viele ist das Deutschland – so auch für die Eltern von Tutty Tran, dem man nicht ansieht, dass er in Berlin geboren wurde, denn seine Eltern kamen als „Boat-People“ unter Lebensgefahr aus Vietnam.
Weil es aber in Deutschland, meinem Deutschland und dem Deutschland von Tutty Tran, Leute gibt, die hier nichts „Fremdes“ haben wollen, wurde Tutty Tran vor ein paar Tagen auf offener Straße verprügelt, böse zusammengeschlagen. Er hatte sich nichts zuschulden kommen lassen. Es war sein Aussehen, das diese Schläger gestört hatte. Sie fragten nicht nach seiner Gesinnung, seiner Meinung über Demokratie und Menschenrechte, nicht nach seinem Beruf. Sie waren in der Überzahl und sie schlugen einfach zu.
Tutty Tran ist ein wirklich lustiger Comedian, der gern von den urkomischen Bemühungen seiner Eltern erzählt, die ihren Sohn zu einem guten Staatsbürger erziehen wollen und immer wieder an ihrem Heimat-Akzent scheitern. Solche Vater-Sohn-Dialoge, abwechselnd in berlinerisch und Vietnam-Deutsch vorgetragen, treiben dem Publikum die Lachtränen ins Gesicht. Und natürlich erkennt jeder auch seinen eigenen Eltern-Kind-Dialog darin. Und mancher geht frohgestimmt mit einem vietnamesischen Akzent nach Hause, wissend, dass Missverständnisse keiner unterschiedlichen Sprache bedürfen.
Mein Vater, in der Gegend um Hannover aufgewachsen, erzählt gern, wie ihm bei uns hier um Hamburg herum die Besonderheit der Anrede unter Nachbarn oder Arbeitskolleginnen aufgefallen war, die da lautet „Du, Frau Meier…“ Und dann war da noch die gern zitierte „Voose mitn abn Fuß“. Alles ganz deutsch: hamburgisch eben. Egal wie man es ausdrückt, die Vase ist hin und damit nicht mehr zu gebrauchen. Obwohl: den abn Fuß könnte man vielleicht noch ankleben…
Wie aber repariert man Menschen, deren Gehirne voller Hass sind? Hosen straffziehen? Ein Jahr TikTok-Verbot? Sozialstunden im Dschungelcamp? Alles leider nicht möglich. Hier hilft nur eine lange und strenge Therapie. Dafür sollte Geld da sein, und zwar dauerhaft, denn das Projekt „Einigkeit und Recht und Freiheit“ muss brüderlich mit Herz und Hand und sehr viel Konsequenz als Jahrhundert-Aufgabe angesehen werden.
Wenn in Deutschland ein Mann, ob mit Schlitzaugen, Kippa oder High Heels sicher ist, muss auch keine Frau auf dem Heimweg Angst haben. Dieser Traum der Menschenrechte des Martin Luther King ist auch mein Traum.
Und ich wüsste schon einen Titel für Tutty Trans nächstes Bühnen-Programm: „Ich bin ein Berliner!“
26.10.2025 - Zeit für Winterreifen - denken Sie dran!
Mein Wagen war noch nicht fertig und so musste ich etwas warten. Ich nutze diese Zeit gern, um zu schauen, was um mich herum geschieht. Und so wurde ich Zeuge eines sonderbaren Dialogs.
Eine ältere Dame war hereingekommen, offenbar gut bekannt, denn der Werkstattleiter begrüßte sie mit den Worten: „Ach, die Frau Fürchtegott. Wie immer ein paar Minuten zu spät. Was liegt denn heute an?“
„Winterreifen aufziehen. Ja – und die Große Inspektion bitte auch.“
„Sind die Reifen hier bei uns eingelagert?“
„Nein, die habe ich im Kofferraum, hat mein Mann gestern eingeladen.“
„Na, dann kann unser Kevin die gleich aufziehen.“
„Und die Große Inspektion? Wintercheck und so?“
„Das habe ich hier in der Anmeldung gar nicht stehen.“
„Ach, das hatte ich dann wohl vergessen.“
„Na, dann wollen wir mal Gnade vor Recht ergehen lassen und das heute noch mit erledigen.“
„Vielen Dank, sehr freundlich von Ihnen. Kann ich darauf warten?“
„Liebe Frau Fürchtegott, darauf warten möchten Sie sicher nicht. Das machen wir am Nachmittag noch, Überstunden für den Kevin, aber auch das muss er lernen. Lernjahre sind keine Herrnjahre, tut mir leid für ihn, aber da kann er sich ja bei Ihnen bedanken.“
„Vielen Dank, junger Mann, ich gebe dem Kevin was extra dafür.“
„Ach, Frau Fürchtegott, das Geld ist es ja nicht. Aber seine schöne Zeit, die er jetzt opfern muss, weil Sie Ihre Gedanken nicht beisammen haben.“
„Ich bitte vielmals um Entschuldigung.“
„Na, lassen Sie man gut sein, wir sind ja keine Unmenschen.“
„Vielen Dank nochmals. Da werde ich gleich mal meinen Mann anrufen, dass er mich abholt. Darf ich Ihr Telefon benutzen?“
„Also, ich muss mich doch sehr wundern, Frau Fürchtegott, haben Sie denn schon wieder Ihr Handy vergessen?“
„Vorhin hatte ich es noch, aber jetzt ist es nicht in meiner Tasche.“
„Na, das ist doch wieder eine von Ihren Ausreden?“
„Nein, ich schwöre, vorhin war es noch da!“
„Gut, dann werde ich für Sie Ihren Mann anrufen. Aber was soll nur einmal aus Ihnen werden, wenn ich nicht da bin!“
„Nächstes Mal passe ich besser auf, ich verspreche es. Und vielen Dank, mein Junge.“
Der so angesprochene „Junge“ nahm seine Kundin liebevoll in den Arm und rief deren Ehemann an. Derweil begleitete die hübsche Lady vom Empfangstresen die Frau Fürchtegott in die Warteecke und brachte ihr einen Kaffee – der übliche Service hier im Haus.
Aber das vorangegangene Gespräch??? So redet man doch nicht mit einer Kundin! Mein Gesicht sprach offenbar Bände. Die Schönheit vom Tresen blinzelte mich an und flüsterte: „Ein Spiel zwischen den beiden. Die Frau Fürchtegott ist seine alte Klassenlehrerin.“
Inzwischen war auch mein Auto fertig ausgestattet mit neuen Winterreifen. Die Wartezeit war wie im Flug vergangen, denn der vorangegangene Dialog war wie eine kleine Kabarett-Szene, über die ich noch heute schmunzeln muss. So gesehen hat sich das Warten gelohnt.
19.09.2025 - Antisemitismus und Feindesliebe
Ich bewundere Menschen wie Margot Friedländer und Anita Lasker-Wallfisch, beide Überlebende von Nazi-Terror und Konzentrationslagern. Beide sind auf Deutschland, auf die Menschen in Deutschland zugegangen. Anita Lasker-Wallfisch sagte einmal in etwa Folgendes: „Ich konnte nun in England sitzen und die Deutschen ewig hassen oder nach Deutschland gehen und von mir erzählen.“
Auch Margot Friedländer zog es in ein verändertes Deutschland zurück, wo sie von sich erzählte – und die Menschen hörten ihr zu, wie auch anderen Überlebenden des Nazi-Regimes. Beiden wurde große Ehre und Bewunderung zuteil. Derart ausgestattet, konnten sie den noch immer vorhandenen Antisemitismus verkraften in der Hoffnung, dass dieser in Deutschland auf Dauer keinen Nährboden habe.
Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt und wir, die Nachgeborenen müssen uns dem stellen.
Wie aber sieht es aus mit dem Zusammenleben mit Menschen, die offen ihren Antisemitismus leben und Hass und Feindseligkeit verbreiten? Sind wir verpflichtet, diese zu lieben, wie Christus es von uns verlangt? Müssen wir ihnen verzeihen? Ich glaube nicht, denn hier handelt es sich nicht um das Verzeihen von Vergangenem, hier handelt es sich um die Gegenwart und um die Zukunft, in die ich heute mit Sorge blicke.
Und Christus? Er hat die Händler aus dem Tempel verjagt und nicht gesagt: „Ach lasst sie mal, die wollen ja auch leben und ihr Geld verdienen. Uns Juden ist der Tempel zwar heilig, aber jene glauben eben nicht daran und das muss man tolerieren.“ Christus, der mit Steuereintreibern und Zöllnern sprach, die als Vertreter einer Staatsmacht das Volk drangsalierten, hatte für die Händler im Tempel kein Verständnis. Er hat nicht gefragt und nicht diskutiert, er hat sie hinausgeworfen. Was bedeutet das für mich hier und heute? Wo ist Toleranz angesagt und wo Kompromisslosigkeit? Christus macht es einem aber auch wirklich nicht leicht!
Und dann der große französische Philosoph Voltaire, der gesagt haben soll: „Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Sie diese frei äußern dürfen.“ Das muss man erst mal verkraften! Redefreiheit anmahnen, sie verteidigen, das kann ich mir schon vorstellen. Und dass kein Leben ist in einem Staat, der Meinungsfreiheit verbietet, sehen wir in Autokraten-Staaten. Aber mein Leben geben für die Meinungsfreiheit eines anderen, dessen Meinung ich nicht teile? Ich weiß nicht, ob das wahre Größe ist oder Naivität. Ich jedenfalls fühle mich dazu nicht verpflichtet. Voltaire mag es mir verzeihen.
Lügen, Hass und Hetze, Verunglimpfung und Morddrohungen sind keine Meinungsäußerungen, sondern eine Bedrohung unserer Demokratie. Antisemitismus ist nur ein Seismograph für das, was uns erwartet, wenn wir dies tolerieren. Dann ist es bald vorbei mit der Freiheit und der Vielfalt.
Als Autorin schlüpfe ich so manches Mal in die Schuhe anderer und gewinne eine andere Sichtweise auf die Dinge. Hier aber verweigern sich meine Füße, mein Herz und mein Verstand.
Das Einzige, was verbleibt, ist meine ausgestreckte Hand, meine Bereitschaft zum Dialog. Allerdings ohne Hass und Hetze, ohne Bedrohung und Beleidigungen. Dann können wir reden, das ist mein Angebot.
Das mag wenig sein, doch für mich ist es das äußerste, und so gesehen ist es doch viel!
13.09.2025 - Lebkuchen und Weihnachtsfreude
Ist es Ihnen auch schon aufgefallen: es wird immer zeitiger, dass in den Geschäften das Weihnachtsgebäck zu haben ist. Ich will nicht übertreiben und behaupten, kaum sind die letzten Osterhasen verschwunden, tauchen die ersten Weihnachtsmänner auf. So fühlt es sich aber fast an.
Nun kann man sich darüber aufregen oder es ganz anders sehen. Ich sehe es so:
Wenn man aus dem Urlaub kommt, zeigt man erst mal die Fotos herum, schwärmt von der kleinen Bucht in Kroatien, dem blauen Wasser in Griechenland, dem berauschenden Anblick der Almen, dem Duft von Lavendel, dem Donnern eines Wasserfalls, dem unglaublichen Sonnenuntergang. Jeder kann das nachvollziehen, jeder weiß Bescheid, jeder hat so etwas auch schon mal erlebt, ob in der Lüneburger Heide oder auf den Malediven.
Dieses Schwelgen in Erinnerungen ist nichts anderes als die Verlängerung der Urlaubszeit. Warum also sollten wir nicht auch die Weihnachtszeit verlängern, und zwar nach vorn!
Wenn man es richtig anstellt, verlängert man damit die Freude auf das Fest und auf alles, was man damit verbindet: Lebkuchen und Spekulatius, Punsch und Lichterglanz, Päckchenpacken und Heimlichkeiten, Tannenduft und Kerzenschein. Das Christkind feiert Geburtstag und alle feiern mit.
Und die Himmlischen Heerscharen verkünden Frieden auf Erden allen Menschen, die guten Willens sind. Wenn man es so betrachtet, sollte das ganze Jahr Weihnachten sein.
24.08.2025 - Äpfel mit Charakter
Im Herbst vergangenen Jahres waren wir zu Gast bei zwei liebenswerten Gartenfrauen. Nach einem wunderschönen Nachmittag wurden wir zum Abschied reich beschenkt mit einem großen Korb Äpfel, wie man sie niemals in Geschäften zu kaufen bekommt: Äpfel mit Charakter. Dies bezieht sich nicht allein auf den Geschmack, so wie man von einem Wein oder einem Käse mit Charakter spricht. Der Charakter dieser Äpfel bezieht sich auch auf deren äußere Erscheinung.
Ich weiß nicht, ob Sie das kennen, wenn man in einer Illustrierten blättert und Frauen etwa beim Filmball posieren sieht. Ich denke dann, dass diese wahrscheinlich schönen Frauen alle aussehen wie aus Plastik. Schade eigentlich, denn sicher hat jede ihr ganz eigenes Gesicht mit Falten, Flecken und Unebenheiten. Alles weggeschminkt und die Fotos noch bearbeitet. Selbst Barbiepuppen sehen manchmal lebendiger aus. Ich verstehe nicht, warum solche oftmals sehr erfolgreichen Frauen unbedingt alle gleich aussehen wollen. Volle Lippen, volles Haar, lockig wallend bis an die Kniekehlen, große Augen mit angeklebten Wimpern, Dekolleté bis zum Bauchnabel und auch sonst viel Haut – makellos wie alles an ihr.
Heutzutage unterliegen auch die Äpfel einem Schönheitsideal und sollen aussehen wie gemalt. Na, ist die Menschheit noch gescheit!??
Wenn ich mir diesen Korb mit Äpfeln ansehe, bin ich gespannt, was mich erwartet: kleine und große Gesichter lächeln mich verheißungsvoll an. Mit Unebenheiten, kleinen Flecken, schorfigen Stellen und den unterschiedlichsten Farben von gelb bis hellgelb, grün oder rot – und keiner gleicht dem anderen. Von verschiedenen Bäumen sind sie, doch auch gleiche Sorten sind nicht immer gleich.
Manch einer schmeckt wie Bratapfel, mancher ist mehlig, andere wieder saftig. Und ob sie süß schmecken oder sauer, das sieht man ihnen nicht an. Es bleibt spannend. Auch das Schälen macht Spaß, weil diese Äpfel natürlich nicht mit dieser Wachsschicht überzogen sind, die ihnen wohl ewige Jugend bescheren soll. Und da sie selbstverständlich auch nicht gespritzt sind, kann man sie getrost ganz dünn schälen. „Unter der Schale sitzt das Beste“, sagten die Großeltern. Vielleicht stimmte es, aber vielleicht war das nur aus Gründen der Sparsamkeit.
In Geschichten von Früher liest man manchmal, dass ein Kind zu Weihnachten einen Apfel geschenkt bekam und vielleicht noch eine Handvoll Nüsse. Schlechte Zeiten, doch auch Zeiten, in denen man für einen Apfel dankbar sein konnte. Und, na klar, aß man auch den Griebsch noch mit. Als ich ein Kind war, hatten wir immer genügend Äpfel, da sollte ich das Kerngehäuse eigentlich nicht mit essen. Aber ich wollte jeden Apfel ganz und gar und bis auf den kleinsten Rest auskosten.
In meiner Schulzeit dann habe ich in Papierkörben angebissene Äpfel gesehen und weggeworfene Pausenbrote. Man muss keine Notzeiten erlebt haben, um zu wissen, dass Brot etwas Heiliges ist. Und auch ein Apfel ist etwas, für das man dankbar sein kann, auch wenn er nicht aussieht wie aus Plastik sondern Flecken und Schorf hat und vielleicht sogar etwas schrumpelig ist.
Ebenso wie Menschen haben auch Äpfel ihren ganz eigenen, geheimnisvollen Charakter. Ich bin jetzt schon gespannt auf die neue Ernte der beiden Apfelfrauen.